Citroen 11 CV BL

Citroen 11 CV BL von Harald Bauer

Mein Citroen 11 CV

Als Kind der 50er-Jahre habe ich mir an jedem Automodel, das neu auf die Straße kam, die Nase plattgedrückt. Ich weiß noch, als die Arabella von Borgward auf den Markt kam, bin ich der ersten, die durch unsere Straße fuhr, hinterhergelaufen in der Hoffnung, dass sie doch irgendwann anhalten muss und ich sie mir dann genau anschauen kann. Ja, sie hat auch angehalten und der Fahrer hat mich ganz verstört gefragt, ob etwas passiert sei. Die Faszination der Autos aus dieser Ära ist mir geblieben. Und dann kam das Jahr 1963. Deutschland und Frankreich – in Personen Konrad Adenauer und Charles De Gaulle – haben den Freundschaftsvertrag geschlossen. Mit der Jugendgruppe sind wir sofort nach Frankreich gefahren. Ich war gerade 14 Jahre alt. Es war ein Hochgefühl. Alles schien uns anders. Savoir vivre hier und Schaffe, schaffe Häuslebaue bei uns. Und anders waren auch die Autos. Natürlich gab es schon die DS, die wie von einem anderen Stern zu kommen schien, die braven Peugeot 203, die seltsamen Panhard, die amerikanisierten Simca und überall die kleine, flinke Renault Dauphine. Doch auf dem Lande hatten sich noch andere gehalten: Die 2 CV mit dem Stoffverdeck, das bis zur hinteren Stoßstange reichte, sie sollten noch lange das Straßenbild prägen – später sogar bei uns. Und dann gab es noch die buckeligen Peugeot 203 und vor allem die Citroen

11 VC, die mich faszinierten. Da mein Vater damals schon einen OPEL Kapitän mit Panoramafenster fuhr, kamen mir diese Autos uralt vor. Dem war aber nicht so. Die letzten dieses Typs verließen 1957 das Band. (Anm. Die letzten Mercedes-Benz 170 wurden 1954 ausgeliefert). So alt waren die Traction Avant, kurz Tractions – wie man sie in Frankreich wegen ihres Frontantriebs nannte, somit gar nicht. Technisch waren sie bestimmt moderner als der Opel meines Vaters, was ich damals noch nicht wusste, aber formal stammten sie eben aus den 30er-Jahren. Mit den Jahren – ich bin oft nach Frankreich gekommen – wurden sie immer weniger, so wie bei uns die Käfer. Bald sah ich sie nur noch in Filmen – Maigret fuhr einen.

Genau vierzig Jahre später, nach meinem ersten Frankreichaufenthalt, also 2003 erzählte mir ein Kollege – wir sind heute gute Freunde – dass er seinen Citroen 11 CV verkaufen muss, weil seine Garage mit weiteren Oldtimern aus allen Nähten platzt. Ausgerechnet jetzt. Ich steckte beruflich in einer Krise, die Kinder standen vorm Studium… Es war dann meine liebe Frau, die sagte: Mach‘ s. Ein Sparvertrag wurde geopfert und Irma unser 11 CV wurde zum neuen Familienmitglied. Merke: Es ist nie die richtige Zeit, aber wenn man etwas irgendwann nicht macht, dann wird es nie etwas. Da ich zwei linke Hände habe, hat mir mein neuer und immer noch guter Freund viel geholfen. Endlich war ich in der Szene angekommen, die ich jahrelang nur von außen betrachtet hatte. Ich war oft Zaungast bei Oldtimerveranstaltungen, habe Oldtimerzeitungen gelesen und hatte jede Menge Bücher, Aber erst mit Irma war ich richtig dabei. (Anm. Gut, dass es inzwischen die FHFO gibt. Hier ist jeder Oldtimerfan willkommen – mit oder ohne Fahrzeug. Hier zählt die Leidenschaft). Inzwischen sind wir beide – Irma und ich – noch mehr in die Jahre gekommen. Wir haben Patina angelegt. Irmas Lack ist etwas stumpfer geworden, manchmal ist sie auch zickig – pardon, wenn ich das so sage, aber auch habe meine altersbedingten Eigenheiten. Aber wenn Irma mal wieder gut drauf ist, wir – am liebsten gemeinsam mit meiner Frau – durch den Odenwald fahren und uns ein Rekord, ein Badewannen Taunus oder ein Käfer entgegenkommt, dann ist das wie damals und wir sind für einen kurzen Moment wieder jung.

Doch jetzt zu den harten Fakten:

Citroën 11 CV BL*

* 11 CV steht für die französischen Steuer-PS (Klasse), B = Berline (geschlossene Limousine),

L = Légère, kleinstes Modell der Baureihe (Légère 4-5-Sitzer, Normale 5-6-Sitzer, Familiale,

7-8 -Sitzer).

Baujahr 1954 „Koffermodell“, das Ersatzrad befindet sich im Kofferraum, bis 1952 war es auf dem Kofferraumdeckel angebracht.

Frontantrieb – „Traction Avant“ so werden diese Fahrzeuge in Frankreich genannt. Auf Grund ihrer außergewöhnlich guten Straßenlage waren diese Autos im kriminellen Milieu sehr beliebt, was ihnen auch die Bezeichnung „Gangster-Limousine“ einbrachte, verstärkt durch entsprechende Rollen in französischen Filmen.

Motor – Vierzylinder / Reihe, 1911 ccm, 41 KW / 56 PS

Maße – L. 4450 mm, B. 1670 mm, H. 1520 mm, Gew. 1070 kg

Historie des Fahrzeugs

Laut Seriennummer hat das Fahrzeug zu Beginn des Jahres 1954 das Werk in Paris verlassen. Die erste Zulassung erfolgte am 2. April 1954 in Laon, Piccardie. Besitzer war ein Techniker, der bei einem Energieversorger beschäftig war. Er für das Auto 24 Jahre bis 1978. Das Auto wurde von einem Handler gekauft, bei dem es 8 Monate stand. Es wurde nach Belgien an Barbesitzer verkauft, der das Auto als Gag fuhr. Später – nach ca. 5-6- Jahren-  kam das Fahrzeug in die Niederlande, wo ein Landwirt erste Restaurierungsversuche unternommen hat. 1992, es war angemeldet und fahrtbereit wurde es von meinem Freund erworben. Das Fahrzeug wurde über mehrere Jahre komplett restauriert, danach regelmäßig gefahren. 2003 wurde es von mir übernommen.

Geschichte der „Traction Avant– als sie 1934 auf den Markt kamen,

waren sie mit Frontantrieb, selbsttragender Ganzstahlkarosserie und Hydraulikbremssystem die modernsten Autos der Welt. Auch die Formgebung – tiefer Schwerpunkt, keine Trittbretter – war außergewöhnlich. In dieses Auto stieg man nicht mehr ein, man ließ sich hineinfallen und saß tief, wie in einen Sportwagen. Auch nach dem Krieg waren die Traction Avant technisch auf der Höhe der Zeit.

Die Produktion endete 1957. Mit dem Nachfolger ID 19 begann bereits 1955 eine neue Ära und eine weitere Citroën-Legende.

Harald Bauer

Stand 13-6-2016