Stammtisch mit Geschichten und Geschichte

Karfreitag 2017

 

Wer sich bei einem Stammtisch Maßkrüge und ein Häuflein derjenigen vorstellt, die immer do hocke, der wird bei den Freunden Historischer Fahrzeuge Ober-Ramstadt (FHFO) eines anderen belehrt.

Natürlich sitzen auch wir bei unserem Treffen am jeweils zweiten Freitag eines Monats nicht auf dem Trockenen und zu essen gibt es auch etwas, dafür sorgt die Restauration des Naturfreunde Hauses. Im Vordergrund stehen meist organisatorische Fragen und immer häufiger Präsentationen oder Berichte zur Automobilgeschichte unserer Region. Und aus dem Stammtisch ist inzwischen eine Kette von Tischen geworden – meist ein großes U im separaten Saal – an dem dreißig und mehr Personen Platz finden. Es ist in der Regel ein harter Kern und eine Schar wechselnder Besucher, die sich offensichtlich wohlfühlen und – was für eine Interessengemeinschaft das Wichtigste ist – die neue Impulse geben, sich aber auch selbst Anregungen holen wollen. Kurz die FHFO ist offen für alle, die ein Faible für alte Fahrzeuge haben – welcher Kategorie auch immer.

Im April fiel diesmal der 2. Freitag im Montag auf den Karfreitag. Was tun? Ausfallen lassen? Geht gar nicht. Verlegen? Sorgt nur für Verwirrung. Also durchführen, auch auf die Gefahr hin, dass es ein kleiner Kreis sein wird. Von wegen, der Stammtisch am Karfreitag war voll besucht. Das lag natürlich auch an dem Programm, das sich über den Buschfunk und das Internet herumgesprochen hatte. Nachdem die üblichen organisatorischen Themen kurz und bündig abgehandelt waren, stellte Michael Schmitt sein neues Buch über die Krähbergrennen vor. Unterstützt durch PC und Beamer mit vielen Fotos aus der Old- und Youngtimerzeit und kurzen Filmchen, einer sogar aus der Perspektive des Fahrers. Als wären das nicht schon Highlights gewesen, erwies uns im Schlepptau von Michael Schmitt als Special Guest Albert Pfuhl die Ehre. Albert Pfuhl, Rallye-Legende, Krähberg erfahren und einer der letzten großen Privatfahrer steuerte manche Anekdote aus seiner Sportfahrerkarriere bei. Inzwischen 83 Jahre alt verdiente sich der Darmstädter Albert Pfuhl, Sohn einer ganz normalen Familie, sein erstes Renngeld durch Babysitten und Autowaschen bei zwei amerikanischen Familien in Ober-Ramstadt. Besonders vorteilhaft: Sein Lohn wurde gerne auch in Benzin ausbezahlt. Nach einem ersten Erfolg in der 125 ccm-Klasse auf einem geliehenen Motorrad, schaffte sich Albert Pfuhl ein eigenes an .Sein Kapital langte aber nur für eine NSU-Fox mit 98 ccm und Tretkurbeln zum Starten. Doch es zeigte sich rasch, dass der kleine Albert Talent hat. Mit nur 98 ccm fuhr er in der Klasse 125 ccm – eine kleinere Klasse gab es seinerzeit nicht – dem Feld davon. – Mehr wird jetzt aber nicht verraten. Albert Pfuhl hat versprochen wiederzukommen und an einem Abend aus seinem Leben als Privatfahrer zu erzählen. Wir freuen uns darauf. Schaut auf unsere Internetseite und hört auf den Buschfunk.

Generell ist es immer wieder erstaunlich, was sich in unserer Region alles rund ums Auto oder Motorrad getan hat. Werner Schollenberger, Autor und Mitbegründer der Interessengemeinschaft FHFO hat an diesem Abend besonders darauf hingewiesen. Und viele dieser historischen Schätze sind noch nicht gehoben. Die Geschichte der Röhrwerke AG kennt dank Werner Schollenberger inzwischen fast jeder Automobilinteressierte, dass Carl Benz von 1903 bis 1904 in Darmstadt gelebt hat blitzt auch immer mal wieder in den Zeitungen unserer Region auf, neu entdeckt haben wir ein Karosseriewerk, das in den ausgehenden 20-Jahren in Reichelsheim beheimatet war und dann noch die vielen Rennen und die damit verbundenen Tuner, wie man heute zu sagen pflegt. Immer wieder lassen sich Entdeckungen machen.

Hier nur ein kleines Beispiel:

Diese kleine Allzweckraupe für Kommunalbetriebe wurde Anfang der 60-Jahre im Hüttenwerk in Michelstadt gebaut. Gab es außer diesem Modell noch andere? Wie viele wurden produziert? Wie viele sind noch erhalten? Gibt es eine Fahrzeuggeschichte des Hüttenwerk, in dessen Hallen sich heute eine Recyclingstation und ein Eventveranstalter befinden?

Sehen konnte man die kleine Raupe bei einem ambitionierten Oldtimer- und Trecktreffen im September 2016 in Rehbach. Übrigens eine sehr schöne Veranstaltung bei der es frisch gepressten Apfelsaft gab, Leckeres vom Grill, selbstgemachte Kuchen und eine Plakette für jeden Teilnehmer. Oldtimerfreunde sind keine Kostverächter, wenn sich zu altem Blech auch noch gutes Essen gesellt, dann sprießen die Anekdoten… dann heißt es aufgepasst. In jedem Nebensatz kann eine wichtige Information versteckt sein. So wie ein FHFO- ler ein altes Heimatkundebuch von 1927 über den Odenwald gelesen hat und dabei auf folgenden Text gestoßen ist: „An Fabriken im Kreisgebiete sind zu nennen: Die Tuchfabriken zu Erbach und Michelstadt, die Hacken– und Werkzeugfabriken zu Etzen-Gesäß und Mümling-Grumbach, die Gummifabriken zu Mümling-Grumbach, Sandbach und Neustadt, in denen vor allem Fahrrad- und Kraftwagenreifen hergestellt werden. In Beerfelden werden Federhalter und Zelluloidwaren, in Steinbach Gelatine, in Reichelsheim Karosserien für Kraftwagen hergestellt.…“

Ein Karosseriewerk in Reichelsheim? Das haben wir bislang nicht gewusst. Gleich ging es an die Recherche. Die inzwischen 89-jährige Tochter des damaligen Firmengründers lieferte uns Fakten aus 1. Hand. Ein Glücksfall, wie er nicht oft vorkommt.

So ist es einigen in der FHFO ein Anliegen die verborgenen Schätze der hiesigen Automobilgeschichte zu haben. Wir freuen uns über jeden, der etwas weiß, über jeden noch so kleinen Hinweis und jeden Zeitzeugen. Womit wir wieder bei unserem Freund Albert Pfuhl wären, der uns demnächst so manches berichten wird. Z. B. auch, wie es zur Firma AMG kam, die nicht nur schwäbische Wurzeln hat…

Harald Bauer

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